Übersicht über die Ergebnisse der Molekulargenetik
 
 Weite Bereiche der Biologie wurden durch die Ergebnisse der genetischen Forschungen in ihren Lehrmeinungen erschüttert, besonders interessant erscheinen dabei Untersuchungen, die helfen, die genetische Verwandtschaftsbeziehungen der Arten zu entschlüsseln. Für eine ganze Reihe der in Europa natürlich vorkommenden Orchideen wurden solche Analysen von Bateman, Pridgeon & Chase (1997) durchgeführt.
Die genannten Autoren haben die genetische Verwandschaft der Arten anhand der Analyse der Basen-Sequenzen in den sogenannten ITS-Segmenten untersucht. Dies sind lediglich 675 Basen lange Bereiche im Gen-Code, die allen untersuchten Pflanzen, d.h. z.B. auch Umbelliferen gemeinsam sind; es handelt sich also um sehr grundlegende Genstrukturen. Auf ähnliche Weise hat man auch in der Zoologie Stammbäume erstellt, kann dort so die Verwandschaft verschiedener Spezies klären. Wenn man dabei sehr weit heruntergeht, findet man aber nur noch geringe Differenzen; so gibt es z.B. in der Biologie einen solchen Stammbaum, der von der Hefe bis zum Menschen reicht. Hier unterscheiden sich Mensch und Schimpanse nur noch in einer Base. Man muß bei solchen Untersuchungen daher in jedem Fall berücksichtigen, daß der gewählte Genbereich unter Umständen etwas unglücklich ist; man kann sozusagen erst am Ergebnis überprüfen, ob sinnige Differenzen herauskommen. Rein logisch ist auch nicht auszuschließen, daß z.B. zwei Spezies sich in einen Segment überhaupt nicht unterscheiden, in einem anderen (nicht untersuchten) Bereich aber sehr. Immerhin scheinen die gewählten Bereiche in der Botanik weitgehend Anerkennung als relevante Bereiche gefunden zu haben, weil mittlerweile Untersuchungen von sehr vielen Pflanzen aus vielen verschiedenen Familien vorliegen.
Was wird untersucht? Man analysiert in den betreffenden Bereichen die Abfolge der vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymidin am DNA-Strang, die dort wie verschiedenfarbige Perlen auf einem Faden aus Nukleinsäure (einer Ribose-Phosphorsäure- Verbindung) angeordnet sind. Im gezeigten Beispiel (Abbildung 1) sind so an Position 4 und 5 zwei dieser Aminosäure-Basen getauscht, es ergibt sich eine Differenz von 2.

 

 

Schematische Darstellung der Aminosäure-Basensequenz von 2 Sippen, an Position 4 und 5 sind in der unteren Sequenz AT gegenüber TG in der oberen Sequenz getauscht.
 

 Diese Differenzen zueinander werden in Form eines Stammbaumes dargestellt, der mit Hilfe von Großrechnern als wahrscheinlichste Verwandschaftsbeziehungen der verschiedenen Arten ermittelt wird. Auffällig ist die Tatsache, daß sich so eine klare 4-Teilung der alten Gattung Orchis ergibt, wobei sich Anacamptis pyramidalis mitten in die 1. Gruppe einreiht, ebenso wie Neotinea maculata sich in die 2. Gruppe einreiht. Bateman & al.ziehen daraus die Konsequenz, diese zwei Gruppen als eigene Gattungen abzutrennen, und die jeweils zugehörigen Arten umzukombinieren in Anacamptis morio etc. bzw. Neotinea tridentata etc., d.h. sie benennen die neuen Gattungen nach den neu zugeordneten Arten. Vereint als Gattung Orchis belassen sie die Arten der 3. und 4. Gruppe wegen der relativ viel kleineren Differenz zwischen diesen Gruppen. Coelogossum viride wird in die Gattung Dactylorhiza eingereiht, die Gattung Gymnadenia um die Arten der alten Gattung Nigritella erweitert.
Bemerkenswert ist zunächst einmal die Tatsache, daß viele selber recht gut isolierte Gattungen, wie Ophrys oder Dactylorhiza innerhalb der Gattung nur minimale Differenzen aufweisen, was als Hinweis auf eine sehr junge Entstehung dieser Arten gewertet werden kann, was andererseits aber auch erklärt, wieso hier der Hybridisierung kaum etwas im Wege steht. Man kann es auch anders sehen: hier wurde der Artbegriff durch unser nomenklatorisches System drastisch „verwässert“, besonders wenn man bedenkt, daß bei den untersuchten Spezies meist nur ausgesprochen gut abgrenzbare Arten berücksichtigt wurden, und nicht z.B. die verschiedenen beschriebenen Kleinsippen berücksichtigt wurden. Untersuchungen problematischer Arten wie z.B. Dactylorhiza praetermissa von verschiedenen Fundorten zeigten verschiedene Ergebnisse, was man - schließt man einen methodischen Fehler aus - eigentlich nur so deuten kann, daß es sich bei solchen Sippen nicht um Arten, sondern um stabilisierte Hybridsippen handelt, die sich morphologisch ähneln, genetisch aber nicht reinerbig sind. Eine weiterführende Erörterung der Probleme der Gattung Dactylorhiza erfolgt in einem getrennten Kapitel.

Ähnliche, verblüffende Ergebnisse fanden sich in den letzten Jahren auch in anderen Bereichen. So faßte man zum Beispiel früher die Altweltgeier in Eurasien und Afrika mit denen der neuen Welt in Nord- und Südamerika unter einer Ordnung zusammen. Man hat aber erkennen müssen, daß diese beiden Gruppen nur wenig miteinander verwandt sind: die „Neuweltgeier“ haben sich aus der Gruppe der Kranichvögel entwickelt, während die „Altweltgeier“ von den Adlern und Falken abstammen. Die Evolution ist offenkundig in der Lage, morphologisch und auch von der Verhaltensanpassung her synergistische Entwicklungen zu betreiben, so daß wir heute Lebewesen finden können, die sich äußerlich zwar stark ähneln, ohne aber unbedingt auch näher verwandt zu sein.

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