Probleme der Gattung Dactylorhiza 

Diskussion der Ergebnisse der Molekulargenetik und die Konsequenzen

Die europäischen Arten der Gattung Dactylorhiza zeigen naach den Ergebnissen von Bateman et. al. genetisch durchweg eine sehr nahe Verwandschaft aller Arten. Relativ gut abgrenzbar zeigen sich nur Dactylorhiza sambucina und Verwandte (Dactylorhiza romana, Dactylorhiza insularis, Dactylorhiza markusii) und Dactylorhiza viridis.
Weiterhin fällt in den gezeigten Cladogrammen (siehe Grafik, nach Bateman et. al.) auf, daß innerhalb der übrigen Arten sich fast verworrene Verwandschafts- beziehungen ergeben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach methodisch bedingt sind: einerseits wird ja zunächst einmal Ausgangsmaterial verwendet werden müssen, das „konventionell" bestimmt wurde, andererseits ergeben sich gerade bei naher Verwandschaft (mathematisch) mehr „Lösungsmöglichkeiten" als bei relativer „Verwandtschaftsferne".
 Wie dem auch sei: mit Hilfe der Molekulargenetik scheint für eine sinnvolle Aufgliederung der Gattung Dactylorhiza offenkundig auch keine befriedigende Lösung in zu finden zu sein. Andererseits kann aber gerade den Befund, daß man für die gleiche Art bei Ausgangsmaterial von verschiedenen Wuchsorten unterschiedliche Sequenzen fand, zu einer ganz anderen Überegung leiten.Die „Kernarten" Dactylorhiza majalis, Dactylorhiza maculata und Dactylorhiza incarnata könnten die Fähigkeit haben, durch Mischung ihrer Gene neue Kombinationen zu schaffen, um sich unter dem regionalen Evolutionsdruck jeweils optimal den bestehenden Bedingungen anpassen zu können. Dadurch wäre ein schon mehrfach beobachtetes Phänomen erklärbar, das bislang häufig zur Beschreibung irgendwelcher neuen „Arten" führte: regional laufen untereinander recht uniforme Pflanzen auf, durchaus in großer Individuenzahl entsprechend der hohen Reproduktionsfähigkeit der Sippe. Ändert sich das bestehende Biotop, muß sich entsprechend obiger Annahme eigentlich zwangsläufig auch das Erscheinungsbild der Population wieder ändern, weil sich diese dem veränderten Selektionsdruck anpassen muß. Wenn den Pflanzen der Gattung Dactylorhiza solche Anpassungen entsprechend der schnellen Veränderungen der Umwelt, die diese in Mitteleuropa erfahren hat, möglich gewesen sind, erklärt dies einige der bekannten Phänome.  

Die ganz aktuell in den „Orchideen von Nordrhein-Westfahlen" nochmals vorgestellten Untersuchungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts unterstreichen dies für ein Land, das von der industriellen Revolution des 19. Und 20. Jahrhunderts besonders stark geprägt wurde. Es wurden im Abstand von nur einigen Jahrzehnten hier neben den typischen „Stammarten" neue, während dieses Zeitverlaufs aber völlig unterschiedliche Pflanzen beschrieben. Sollen die verschwundenen Arten wie z.B. Dactylorhiza wirtgenii Höppner nun tatsächlich ausgestorben sein? Gibt es im Gebiet der Senne tatsächlich eine für NRW endemische Art, die die Botaniker früher einfach übersehen haben? Viel wahrscheinlicher ist doch, daß alle diesen aktuellen Dactylorhiza-Populationen hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes stark im Fluß sind, und für menschliche Beobachter sozusagen immer wieder nur "Momentaufnahmen (im evolutorischen Sinne)" darstellen, die man im herkömmlichen Sinn taxonomisch nicht bewerten kann, egal mit welcher Methodik, z.B. auch morphometrisch, mit der man solche Polulationen untersucht.
Als Konsequenz einer solchen Strategie ergibt sich für die Pflanzen die Möglichkeit, sich optimal an die jeweilige ökologische Situation anzupassen. Bei den sehr intensiv farbigen Pflanzen der Gattung Dactylorhiza geht dies einher mit einer uns Menschen sehr augenfälligen Änderung des äußeren Erscheinungsbildes. Analoge Anpassungen waren andernorten schon immer vorhanden, erklären die von Tal zu Tal abweichenden Populationen in den Alpen oder den Gebirgen des Balkans. Dies gilt ganz besonders und wahrscheinlich überwiegend für Anpassungen an die sehr unterschiedlichen Bedingungen von Sekundärbiotopen oder sonstigen Biotopen, die relativ raschen Wechseln unterliegen, wie alpine Kleinmoore, die regelmäßige z.B. durch massive Einwirkung von Schmelzwasser verändert werden. Lange unveränderte Biotope ohne besondere anthropogene Einflüsse zeigen hingegen weitgehend stabile Populationen mit klassischen Erscheinungsbildern der eingangs erwähnten „Stammarten".
Unter den auftretenden Anpassungsformen gibt es einige, wie z.B. Dactylorhiza traunsteineri, Dactylorhiza praetermissa oder Dactylorhiza sphagnicola die großräumig, wenn auch mit erheblicher Variation auftreten. Es sind die Sippen, die schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts von den damaligen Botanikern erkannt und beschrieben wurden. Sie sind genetisch nicht als homogene Arten aufzufassen, wie die Untersuchungen von Bateman et al. zeigen, immerhin aber so weit stabilisiert, daß sie großräumig relativ uniform auftreten. Deshalb ist und bleibt hier eine morphologisch definierte Artabgrenzung sinnvoll. Ansonsten sollte erst dann eine taxonomische Bewertung wagen, wenn man eine Erscheinungform überregional konstant über einen längeren Zeitraum beobachtet hat. Nur wenn großräumig ein bestimmter Typ auftritt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, daß es sich um ein einmaliges, lokales Ereignis handelt und es steigt die Wahrscheinlichkeit, daß es sich um ein Ereignis gehandelt hat, das zumindest zu einer relativen genetischen Stabilisierung führte. Unter diesem Aspekt sollte man die bestehenden Taxa auf Gemeinsamkeiten durchforsten, andererseits für die Zukunft (sicher immer wieder auftretende) neue Sippen überprüfen.

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